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Überlebenstraining

Dem Betrachter unserer Reiseroute wird auffallen, dass wir uns weitgehend an Landmassen orientieren. Das hat mit unserem Respekt vor kaltem Wasser zu tun. Überwasserflüge konnten wir weitgehend reduzieren aber nicht vollkommen vermeiden. Daher war das Studium von Literatur und Überlebensanleitungen für Notlandungen auf Wasser Pflichtprogramm (eine tolle Ausarbeitung findet sich unter www.equipped.org). Dennoch fühlten wir uns mit Bildern und Texten nicht wirklich gut auf Streckenabschnitte, die bis zu 4 Stunden über Wasser mit Temperaturen von 2-10°C führen, vorbereitet.
Wie begegnet man dem Problem der sogenannten Hypothermie, der extrem schnellen Auskühlung des Körpers im Wasser (30 mal schneller als in der Luft)? Innerhalb weniger Minuten kann der Mensch vollkommen bewegungs- und handlungsunfähig werden – keine angenehme Vorstellung. Welche Ausrüstungsgegenstände sind nützlich, welche wirklich wichtig?  Wie bedient man all diese wenig vertraute Ausrüstung unter schwierigen Bedingungen und unter Stress (schließlich hat man im Ernstfall ja die erste Wasserlandung mit einem dazu nicht ausgelegten Flugzeug gemacht). Klar: viel Ausrüstung hilft im Zweifel viel. Aber wie rüstet man sich so aus, dass das Flugzeug nicht wegen des Survival Equipments an seine Lastgrenzen kommt?


AOPA Nordatlantik-Seminar

Einen ersten Eindruck vermittelte am 21.11.2009 das AOPA (www.aopa.de) „Nordatlantik-Seminar“ von Arnim Stief, der unter anderem auch das Thema Ausrüstung für Nordatlantikflüge erfrischend kurzweilig vorstellte. Er hatte seine gesamte Survival Ausrüstung mit dabei, zeigte Alternativen auf und berichtete vor allem aus Sicht des erfahrenen Nordatlantikfliegers und erfolgreichen Weltumrunders worauf es bei der Ausrüstung wirklich ankommt. Der eintägige Kurs in Egelsbach adressierte darüber hinaus die vielen anderen Themen, die für eine Nordatlantiküberquerung benötigt werden: Navigation, rechtliche Aspekte, Flugsicherheit, etc. Eine seiner Empfehlungen war der Besuch des Trainings „Überleben auf See“ in Nordholz, um „hautnah“ den Kampf mit den Elementen zu erfahren.

„Überleben auf See“-Training

Dieses Training fand am 1.&2.12.2009 auf dem Gelände des Marinefliegergeschwaders 3 „Graf Zeppelin“ in Nordholz, Niedersachsen statt. Da es sich dabei um ein Training für Piloten der Marine und der Luftwaffe handelt, kann man diese Veranstaltung als „Zivilist“ nicht einfach buchen. Dennoch lässt die Bundeswehr bei freier Kapazität einzelne externe Teilnehmer zu. Die Fa. Life Guard Association hat uns nicht nur geholfen, einen der begehrten Plätze zu ergattern, sondern war auch in Person von Frau Holm über die zwei Tage mit Rat, Tat und Aufmunterung an unserer Seite … denn dieses Training sollte kein Fortbildungsseminar im klassischen Sinne werden...

Erster Tag

Nach einem überaus freundlichen Empfang in der Kaserne (Wilma hatte sich die Bundeswehr etwas anders vorgestellt) stand auf der Tagesordnung:
- Darstellung der Gefahren auf See
- Erfahrungsberichte
- Persönliche Ausrüstung: Überlebensanzüge, Schwimmwesten, Rettungsinseln
- theoretische Einweisung in die Benutzung der Ausrüstung
- Gebrauch von Notsignalen

Zweiter Tag

07:30 Uhr … jetzt wurde es ernst. Draußen frostige Dezembertemperaturen – drinnen angenehme 30°C. Einkleiden (marineblaue Fliegerkombi, Fliegerhelm, leichtes Schuhwerk) und schon waren wir im Wasser.
Was mit einigen eher harmlosen „Aufwärmübungen“, wie tauchen quer durchs Becken an der Leine bis 4,5 m Tiefe und springen vom 5 m Turm begann, führte schnell zum eigentlichen Überlebensdrill.
Aufrichten der Überlebensinsel, die sich zwar entschlossen hatte prall gefüllt aus der Verpackung zu kommen; auf uns im Wasser aber leider mit der rettenden Öffnung nach unten wartete (hier besteht eine 50% Chance, dass ein Floß nicht der Prospektdarstellung folgt).  Wir hatten zuvor keinerlei Vorstellung, welche Kraftanstrengung erforderlich ist, eine Viermanninsel in einen gebrauchsfähigen Zustand zu bringen. Danach einsteigen: Einer sichert - die anderen steigen ein. Was sich bequem anhört, fühlte sich viel anstrengender an. Die Fliegerkombi und die Schwerkraft versuchten einen mit allen Mitteln im Wasser zu halten – und liebe Güte – war dieses Raft glitschig. Als letztes dann den „Sicherer“ hinein wuchten … geschafft (siehe Bild unten).
Erholung im rettenden Floß? Fehlanzeige! Der simulierte „Rettungshelikopter“ spulte die Rettungsschlinge vom 5 m Turm und „winschte“ uns nacheinander aus dem Raft. Sprung ins Wasser – danach  „winschen“  aus dem Wasser.
Kurze Verschnaufpause – jetzt ging es ins METS (Modular Egress Training Simulator): Ein Cockpitmodell, das man an Deckenkabeln geführt, vollständig fluten kann. Wir bekamen die überlebenswichtige Bedeutung von Referenzpunkten im Cockpit vermittelt und Antworten auf die Fragen: mit welcher Technik arbeitet man sich sicher unter Wasser zum Ausgang vor – auch wenn es dunkel ist? Wie wichtig sind Sicherheitsgurte und vor allem, wie kann man sie mit wenigen Handgriffen sicher und schnell öffnen? (Wenn es klemmt ist ein Gurtmesser in Reichweite lebensrettend)
Splash! Erster Durchlauf mit Ausrichtung des Cockpits nach oben. Uns fiel die Schwimmmeisterin ein, die uns vor der Übung mit den Worten beruhigt hatte, dass der menschliche Körper ohne Weiteres 1,5 Minuten ohne Atmung zurechtkommt – wir hätten also viel Zeit. Wie wenig das Atemzentrum bei Anstrengung und Stress von dieser Logik weiß, spürten wir bereits nach wenigen Sekunden… Im zweiten Durchlauf wurden die Bedingungen erschwert.  Dieses Mal kopfüber:  Luftblasen aller Orten und die Orientierung innerhalb von Sekunden verloren. Jetzt half der Drill: Gurt öffnen (wenn nötig am Bein entlang zum Öffner tasten), mit einer Hand immer am Sitz festhalten, eingeprägten Referenzpunkt ansteuern und … rechts bleibt auch kopfüber rechts. Anderenfalls findet man die Tür nicht.
Eine beeindruckende Schar an Rettungstauchern im Wasser signalisierte: Hilfe ist nicht weit, falls wir Piloten nicht wie gebrieft den Drill abarbeiten – eine Sicherheit, die einem im echten Notfall fehlen wird.
Nachmittags dann die wichtige theoretische Einweisung in die Gefahren der Hypothermie, deren Erkennung in den unterschiedlichen Phasen und deren Bekämpfung.
Zusammenfassend können wir für uns sagen: Hoffentlich bleibt die Teilnahme an diesem Kurs eine komplette Zeitverschwendung, weil wir das Erlernte nie anwenden müssen. Falls aber doch der unerwünschte Notfall eintritt: dann wären ohne diesen Kurs – bei noch so gutem Equipment – unsere Überlebenschancen verschwindend gering. Unser Respekt vor dem kalten Wasser hat also noch weiter zugenommen – aber wir wissen jetzt im Notfall zumindest, was zu tun ist. Deshalb an dieser Stelle an alle Beteiligten einen großen Dank, für die Chance an diesem exzellenten Training teilnehmen zu dürfen!